Supermärkte kamen erst in den 60-ern

Gut in Erinnerung sind mir die ausgedehnten Einkaufstouren, bei denen ich Mutti begleitet habe. Da es Supermärkte noch nicht gab, gehörte zu einem Einkauf der Besuch mehrerer kleiner Geschäfte, die man heute als Tante-Emma-Läden bezeichnet. Jeder dieser Läden war in seiner Einrichtung ein Unikat und hatte ein ganz individuelles, aber unvollständiges Paket von Angeboten. Beim Eintreten stieg einem ein jeweils typischer, oft intensiver Geruch in die Nase, der durch die Mischung der offen präsentierten Waren geprägt war. Meist kümmerte sich der Ladenbesitzer persönlich um alles. Seine Ausstrahlung und sein Charakter bestimmten die Ladenatmosphäre und steuerten die Gefühle, die einen in so einem kleinen Verkaufsraum erfassten. Die Einkäufe in diesen Geschäften waren sehr zeitaufwändig, aber sie streichelten die Seele. Mitte der 60-er-Jahre begann die Zeit, in der diese Läden durch glitzernde Supermärkte mit Regalen und Kühltruhen aus rostfreiem Stahl ersetzt wurden. Im Schnelldurchgang konnte man nun durch die langen Reihen von Selbstbedienungsregalen gehen, auf denen eine immense Auswahl von Lebensmitteln und Haushaltsartikeln gestapelt lag. Die Zeit der offen verkauften Artikel war abgelaufen. Nun kaufte man Konservenbüchsen oder Waren in Kunststoff- oder Styropor-Verpackungen, die zusätzlich noch mit Folie überzogen waren. Alle Artikel waren nun hygienisch, klimareguliert, völlig geruchfrei und mikrobengeschützt verpackt. Nicht mehr der Chef persönlich räumte die Waren ein, führte freundliche Kundengespräche und kassierte persönlich. Stattdessen hatte man es nun öfters mit unpersönlich agierenden, bezahlten Angestellten zu tun. Aber immerhin, man hatte eine viel größere Auswahl, konnte sich viel mehr leisten und sparte Zeit.

Bei meinen Tante-Emma-Einkäufen mit Mutti starteten wir im Milchgeschäft von Herrn Holder, das in ca. 200 m Entfernung jenseits der Stuttgarter Straße lag. Im Laden roch es nach frischer Milch und Sahne. Die Milch wurde direkt in die mitgebrachten Alu-Kannen gefüllt. Für 10 Pfennig konnte man in der Waffeltüte eine Portion Sahne kaufen. Eier wurden vor dem Verkauf einzeln mit hellem Licht durchleuchtet, um zu prüfen, ob sie faul waren. Mit faulen Eiern musste man damals rechnen. Den Schock, den ich erlebte, als ich in einem Urlaub leckeres Rührei machen wollte und als zehntes Ei ein faules in die Pfanne schlug, vergesse ich nie.

Am Sternplatz kauften wir beim Bäcker Streib. Erst mussten wir eine Treppe hoch gehen, dann tauchten wir in die Düfte des Ladens ein. Sie waren durch die frischen Backwaren geprägt und erhielten durch die vielen offen angebotenen Süßwaren eine spezielle Würze. Hinter der Theke stand Frau Streib, die ihre Haare zu einem Dutt zusammengebunden hatte. Gern besuchte ich diesen Bäcker öfters auch allein und kaufte bei Frau Streib für 10 Pfennig fünf Brausestängel, die sie jedes Mal in eine kleine, halbdurchsichtige Tüte aus Pergamentpapier packte. Einmal stellte ich mir selbst eine Mutprobe. Ich ging zu Frau Streib in den Laden und fragte: „Haben Sie noch alte Wecken?“ Ihre freundliche Antwort „Ja, Junge, wie viele möchtest Du denn?“ konterte ich mit: „Ja, warum haben sie die nicht frisch verkauft?“. Unter ihrem heftigen Geschimpfe verließ ich schleunigst den Laden.

Neben dem Bäcker Streib hatte der kriegsverletzte, humpelnde, immer freundliche Kaufmann Mayer seinen Miniladen. An der Außenfront war auf Ständern das Obst aufgebaut, dann ging es eine kleine Treppe hoch und schon befand man sich in einem kleinen Raum mit einer Theke. Neben ein paar Regalen hatte noch eine offene Glasvitrine Platz, hinter der Salami, Käse und Gewürze präsentiert wurden. Davor standen offene Säcke mit Zucker, Mehl und Erdnüssen. Auch dieser Raum war von einem ganz typischen Duft erfüllt. Welche Freude, wenn Mutti auf den Sack mit den Erdnüssen zeigte und von Herrn Mayer 100 g Nüsse in eine spitze Papiertüte füllen ließ. Diese wurden zu Hause auf dem Holztablett „ausgepuhlt“ und mit Begeisterung verzehrt. Damals war die Qualität noch nicht so hoch wie heute. So haben wir manchmal Apfelsinen gekauft, die zu gefühlt 50% Kerne enthielten. Manchmal kauften wir auch völlig ausgetrocknete Apfelsinen. Den Ausdruck Orangen verwendete Mutti nicht. Natürlich gab es auch bei Herrn Mayer, wie in fast allen Läden, nach dem Einkauf die Rabattmarken, die Mutti in kleine Heftchen klebte. Wir Kinder bekamen nach den Einkäufen ein paar Bonbons oder einen „Schlotzer“ geschenkt.