Mein Start in den Schuldienst

Als erste Aufgabe sollte ich eine fünfte Klasse im Fach Mathematik als Klassenlehrer übernehmen. Nach acht Monaten am Gymnasium hatte die Klasse wegen des herrschenden Lehrermangels noch keinen ausgebildeten Mathematiklehrer zu Gesicht bekommen. Trotzdem herrschte die Meinung, die Klasse werde nach der modernsten damals vorstellbaren und absolut zukunftsweisenden Methode unterrichtet. Ein Student betreute die Klasse. Seine Aufgabe war es, zu Stundenbeginn eine der dicken neuen VCR-Cassetten in einen der frisch auf dem Markt erschienenen monströsen Videorecorder zu schieben und die Schüler beim Anschauen des Unterrichtsfilms zu beaufsichtigen. Statt eines Lehrbuchs hatten die Schüler ein Buch mit einer Sammlung von Multiple-Choice-Tests. Nach einer halben Stunde Film machten die Schüler ihre Kreuzchen, rissen das Testblatt aus ihrem Buch und gaben es dem Studenten zur Korrektur mit. Unterrichtsstoff war nicht mehr die gewohnte Mathematik. Es war die Mengenlehre, an sich ein sinnvolles Teilgebiet des Faches, in dem die Schüler lernen sollten, Strukturen anhand von Formen und Farben zu erkennen. Davon hatten aber die Eltern keine Ahnung. Das hatten sie nicht gelernt. Sie gingen erfolgreich auf die Barrikaden. Aus der Begeisterung für die Mengenlehre wurde die totale Ablehnung. Die Mengenlehre wurde hastig in den Mülleimer des Mathematikunterrichts geworfen. Wir Lehrer wurden aufgefordert, das Wort Mengenlehre in unseren Lehrplänen zu schwärzen und es gegenüber Eltern und Schülern nicht mehr zu verwenden. Ich ließ das Videogerät und die Kassetten in den Tiefen der Sammlung der mathematischen Unterrichtsgegenstände verschwinden. Da liegen sie heute noch, falls nicht irgendjemand irgendwann dort aufgeräumt hat.