Es war eine andere Pädagogik als heute

Vor dem Frühstück wurde mir ein obligatorischer Teelöffel mit Sanostol eingeflößt. Vom Etikett der braunen Flasche mit dem eisenhaltigen, gelb-orangen Vitaminsaft lächelten mir eine Mutter und ein Kind entgegen. Manchmal wurde die Vitamingabe noch durch einen Löffel Honig ergänzt. „Den musst du nehmen, damit du groß und stark wirst.“, meinten meine Eltern. Mir schmeckte dieses süße Zeug mit der als eklig empfundenen Konsistenz nicht. Deshalb war die Einnahme immer mit einem Kampf verbunden. Noch heute esse ich, vielleicht aus dieser Erfahrung heraus, keinen Honig.

 

  Solange ich in meinem Elternhaus lebte, waren die Tage durch eine Zweiteilung geprägt. Wenn wir mit Mutti allein waren, fühlten mein Bruder Franze und ich uns frei. Aber über Mittag und abends um halb Sechs kam Papi nach Hause. Schon eine halbe Stunde vorher begann sich die Schlinge zuzuziehen. Sein Empfang wurde vorbereitet. Wir mussten alles in Ordnung bringen. Wir räumten alle Spielzeuge zurück an ihre Plätze. Und wir hörten uns Muttis Ermahnungen an, mit denen wir auf die Ankunft von Papi getrimmt wurden. Bis etwa 1957 kam er mit dem Dienstwagen und einem Chauffeur, danach im eigenen Auto. Wenn er eintraf, wurde Mutti zu seiner Dienerin und überließ ihm das Kommando. Fragen zum Tagesverlauf beantworteten wir zu seiner Zufriedenheit, dann wurde gegessen. Der Teller musste, obwohl ich oft wenig Appetit hatte, „wegen der hungernden indischen Kinder“ absolut leer gegessen werden. Vom Stuhl erheben durfte ich mich erst, wenn ich auf die Frage: “Darf ich bitte aufstehen?“ eine positive Antwort bekommen hatte. Manchmal saß ich noch eine halbe Stunde, nachdem alle anderen fertig waren, am Tisch und durfte nicht aufstehen. Mit „Ein Löffel für Oma, ein Löffel für Tante Mina, …“ versuchte Mutti das Drama abzukürzen. Papi wachte währenddessen darüber, dass sie mich nicht vorzeitig entließ. Natürlich haben solche Aktionen meinen Appetit nicht vergrößert, aber sie zeigten lebenslange Wirkung. Noch heute stehe ich unter dem psychischen Zwang, jeden Teller leer essen zu müssen, auch wenn es mir nicht schmeckt oder ich schon längst satt bin. Bei dieser strengen Erziehung voller Zwänge ging es mir natürlich nicht gut. Ich aß zu wenig, war untergewichtig und war auch sehr oft krank.

Es herrschte immer Ruhe an unserem Tisch, denn „Beim Essen spricht man nicht!“. Dass auch nie diskutiert wurde, war klar, denn Papi wusste gar nicht, was diskutieren ist. Er war es doch, der ohne die Duldung von Widerspruch bestimmte, was Sache war. Muckte ich auf, hatte er seine Mittel, mich ruhig zu stellen: „Solange Du Deine Füße unter meinen Tisch streckst, hast Du hier nichts zu sagen!“, „Halt den Mund!“, „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“, „Sei still!“, „Kinder werden nicht gefragt.“ und natürlich „Ende der Diskussion“.

Nach dem Essen musste ich einen Mittagsschlaf halten. Mein Schlafplatz befand sich im Zentrum des Wohnzimmers neben dem Couchtisch auf dem Fußboden. Dort wurden als Lager für mich eine dünne Matratze und eine Wolldecke platziert. Natürlich habe ich nicht geschlafen, sondern lag verzweifelt wartend und still aus Angst vor heftigen Ermahnungen am Boden und zählte die Minuten, bis die halbe oder dreiviertel Stunde endlich vorbei war.