Eine denkwürdige Lehrprobe

Für Referendare wurden wir aber zur Horrorklasse. Mit ihnen nahmen wir grundsätzlich den Kampf auf, um zu versuchen, sie „fertig zu machen“. Ziemlich heftig erwischten wir den Herrn Hannitsche, der stark zitternd vor uns an der Tafel stand und kaum noch einen Tafelanschrieb zustande brachte.

Als der nächste Referendar in unserer Klasse unterrichtete, hatte ich eine im wahrsten Sinne des Wortes zündende Idee, die meiner physikalischen Experimentierfreudigkeit entsprang. Bei Spielwaren-Dauth kaufte ich einige Stränge „Ladycracker“, die jeweils aus einer Vielzahl von Miniböllern bestanden, die entlang einer Zündschnur hintereinander aufgereiht waren. Es folgte eine Versuchsreihe mit dem Ziel, diese mit Hilfe einer Kerze zeitversetzt zu zünden. Die Lösung hatte ich schnell gefunden. Die Zündschnur der Ladycracker wurde mit Hilfe einer Bohrung in einer Kerze dicht am Docht untergebracht. Die Zündung erfolgte erst, wenn die Kerze ein Stück weit heruntergebrannt war. Nach dieser Vorbereitung brauchte ich nur noch eine erste Stunde, in der der Referendar alleine unterrichtete. Laut Stundenplan stand diese Stunde bevor.

Eine Viertelstunde vor Unterrichtsbeginn schlich ich mich um 7.15 Uhr in den oberen Stock der Schule. Im dort gelegenen, nicht verschlossenen Klassenzimmer öffnete ich das Pult, um das vorbereitete Feuerwerk mit Zeitzündung zu installieren. Leider hatte zuvor jemand die Schubladen ausgehängt, wodurch sie völlig schräg standen. Zu aufgeregt, das zu korrigieren, stellte ich meine Kerze samt den Ladycrackern ins Pult, zündete sie an und entfernte mich. Nicht bedacht hatte ich, dass die Kerze durch den Schrägstand viel schneller abbrannte als vorgesehen. Nach dem Läuten zur Stunde kam der große Moment. Der Referendar trat ein, in seinem Gefolge war aber unerwarteterweise der Fachlehrer sowie der Leiter des Studienseminars, Herr Dr. Dietz. Diese Stunde sollte unangekündigt eine Lehrprobe werden! Alle Schüler hatten sich am Stundenanfang wie damals üblich erhoben. Ich wollte retten, was noch zu retten war und nutzte den Moment, um zum Pult zu eilen. Es musste doch möglich sein, mich als Tafelordner auszugeben, das Pult unauffällig zu öffnen und die Kerze zu löschen. In dem Augenblick, in dem ich das Pult öffnete, erfolgte die Zündung und in einem nicht enden wollenden Knallgewitter füllte sich das Klassenzimmer bis unter die Decke mit dem dichtem, stinkenden Rauch, der aus der Schublade quoll und immer wieder Nachschub erhielt. Keine der Lehrpersonen sagte etwas, die Luft blieb stickig und es fand eine Stunde statt, die völlig normal zu sein schien. Aber unter Garantie konnte keiner der Anwesenden den dramatischen Vorfall am Stundenbeginn aus seinem Kopf verdrängen. Ich selbst saß mit pochendem Herzen in meiner Bank und spürte, wie bei stark erhöhtem Blutdruck das Blut in meinen Adern pulsierte. In der folgenden Erdkundestunde spekulierte unser Lehrer, Herr Lehmann, wer wohl der „Feuerwerker“ gewesen sei. Dann klopfte es und einige Sekunden später öffnete sich die Tür. Der Schulleiter Wilhelm Schweizer (Foto) betrat mit ernster Miene das Klassenzimmer, stellte sich ans Pult, nahm Haltung an und fragte „Wer war das?“ „Ich war’s“, gab ich zu und bekam die damalige Höchststrafe, nämlich vier Stunden Rektoratsarrest verordnet. Ich wurde aber nie aufgefordert, diese auch abzusitzen und der zugehörige Brief an meine Eltern traf nicht ein.

13 Jahre später, als ich in meiner Versetzungsangelegenheit darauf spekulierte, ans Kepler-Gymnasium in Tübingen berufen zu werden, rief ich den neuen Schulleiter Dr. Schlichte an. Er hatte mich in Englisch unterrichtet. Mein Name war ihm auf Grund des Feuerwerks immer noch gut bekannt. Er lud mich zu einem Besuch der Schule ein und berichtete mir, dass damals Herr Schweizer vor Begeisterung über diesen genialen Schülerstreich im Lehrerzimmer vor allen Kollegen herumgetanzt ist.

Wenige Tage vor meinem „Anschlag“ hatte Prof. Dr. Dr.-Ing. E.h. Ernst Stuhlinger, der in Tübingen zur Schule gegangen war und hier studiert hatte, an der Universität einen viel beachteten Vortrag über die Eroberung des Weltraums gehalten. Er war in der NASA ein enger Mitarbeiter von Wernher von Braun, der als Direktor bei der NASA ein Architekt des amerikanischen Apollo-Raumfahrtprogramms war. Schulleiter Schweizer glaubte, ich sei durch Prof. Stuhlinger inspiriert worden und bewunderte den Beitrag des Schülers seiner Schule zum Raketenthema.

Das war mein Glück!